Bürokratie und emotionale Belastung: Viele Angehörige fühlen sich überfordert, wenn sie ihre Liebsten plötzlich pflegen müssen. Was sollen sie als Erstes tun? Pflegeberaterin Simone hat zehn Tipps.
Die Pflege eines nahestehenden Menschen übernimmt man häufig nicht geplant, sondern von einem Tag auf den anderen. Die Mutter entwickelt eine Demenz, der Vater verliert durch altersbedingte Beschwerden an Selbstständigkeit oder der Partner braucht nach einem Schlaganfall Unterstützung im Alltag.
In solchen Situationen sind meist die engsten Angehörigen gefragt – Kinder, Partner oder Geschwister. Viele fühlen sich überrollt und wissen nicht, wo sie anfangen sollen, weiß Simone, Pflegeberaterin bei ProVita. Das ist vollkommen verständlich: Neben der emotionalen Belastung kommen zahlreiche organisatorische und bürokratische Aufgaben hinzu. Damit der Einstieg in die neue Situation leichter fällt, hat Simone zehn praktische Tipps zusammengestellt.
- Pflegeberatungsstellen nutzen
Eine Pflegesituation zu organisieren, kann komplex sein – aber niemand muss das allein bewältigen. In Pflegeberatungsstellen oder Pflegestützpunkten erhalten Angehörige in der Nähe ihres Wohnortes wertvolle Erstinformationen und Unterstützung. Simone betont: „Gerade wenn man neu in einer solchen Situation ist, bieten solche Anlaufstellen einen umfassenden Überblick.“ Auch ProVita bietet kostenlose Pflegeberatungen an, um die Qualität der häuslichen Pflege langfristig zu sichern und auf Veränderungen frühzeitig reagieren zu können. - Kranken- und Pflegekasse informieren
Sobald Pflegebedarf besteht, sollten Krankenkasse und Pflegekasse informiert werden. Dort erfährt man, welche Leistungen beantragt werden können und welche Unterlagen notwendig sind. Manchmal dauert es aber, bis man eine telefonische Auskunft erhält. Um solche Wartezeiten zu umgehen, kann es sinnvoll sein, zuerst eine Pflegeberatung zu kontaktieren. Diese beantwortet viele Fragen schneller. - Pflegegrad ehrlich beantragen
Um Leistungen der Pflegekasse zu erhalten, muss ein Pflegegrad beantragt werden. Hierbei kann Unterstützung beim Ausfüllen der Formulare hilfreich sein. Beim Hausbesuch des Gutachters sollte die tatsächliche Pflegesituation offen dargestellt werden – ohne Übertreibung oder Beschönigung. „Erfahrene Gutachter erkennen sofort, wenn ihnen etwas vorgespielt wird“, sagt Simone. - Schreiben der Pflegekasse sorgfältig lesen
Pflegekassen schicken regelmäßig Informationen zu Leistungen und Pflichten. Diese Schreiben sind jedoch oft kompliziert und werden daher nicht gründlich gelesen. Es ist jedoch wichtig, Hinweise wie die Pflicht zu regelmäßigen Pflegeberatungen nicht zu übersehen – sonst kann im schlimmsten Fall das Pflegegeld gekürzt oder gestrichen werden. Simone empfiehlt deshalb im Zweifel eine Pflegeberaterin oder einen Pflegeberater zu fragen: „Er kann nochmals alles genau erklären.“ - Leistungen unbedingt in Anspruch nehmen
Viele Angehörige oder Pflegebedürftige wissen nicht, welche Unterstützung ihnen von der Pflegekasse zusteht – oder sie halten sie nicht für nötig. Simone rät klar dazu, die Leistungen zu nutzen: „Sie helfen dabei, das Leben zu Hause so lange wie möglich zu ermöglichen.“ - Hilfsmittel nutzen – sie erhalten die Gesundheit
Rollatoren, Haltegriffe oder Badewannenlifter verringern Sturzrisiken und erleichtern den Alltag. Trotzdem nutzen diese viele Menschen nicht, weil sie sich nicht alt fühlen. Simone plädiert jedoch klar dafür, Hilfsmittel zu nutzen. Denn sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern dienen zur Prävention und erhalten die Selbstständigkeit. Deshalb finanziert die Pflegekasse auch viele Hilfsmittel. Auch für Wohnraumanpassungen können bis zu 4.180 Euro Zuschuss beantragt werden. - Empfehlungen von Fachpersonen wirken oft besser
Angehörige sehen häufig, was notwendig ist, doch ihre Hinweise werden leicht als Bevormundung empfunden. Wenn eine neutrale Pflegeberaterin eine Empfehlung ausspricht, fällt es den Betroffenen meist einfacher, diese anzunehmen. Etwa, wenn es um die Anschaffung eines Hausnotrufes geht. - Notrufgeräte können Leben retten
Notrufgeräte sind laut Simone die wichtigsten Hilfsmittel. Und zwar nicht nur für Personen mit Pflegegrad. Denn ein Sturz ist schnell passiert und plötzlich zählt jede Minute. Eine Notrufuhr oder ein Notrufknopf ermöglicht, mit einem einzigen Knopfdruck Hilfe zu rufen – auch wenn kein Telefon in Reichweite ist. - Pausen und Entlastung in Anspruch nehmen
Pflege ist körperlich und seelisch belastend. Deshalb sind Auszeiten wichtig. Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege oder Alltagsbegleiter können Entlastung schaffen. Die Pflegekasse zahlt dafür Zuschüsse im Wert von mehreren tausend Euro. Gespräche mit Freunden, Selbsthilfegruppen oder Psychologen können zusätzlich guttun. Denn niemand muss alles allein schaffen. - Rentenansprüche und Steuervorteile nutzen
Häufig reduzieren pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit. Wer mindestens zehn Stunden pro Woche pflegt, kann immerhin Rentenpunkte erhalten – wichtig ist, dies der Pflegekasse zu melden. Meistens passiert dies, wenn man einen Antrag auf Pflegeleistungen stellt. Außerdem können bestimmte Pflegekosten steuerlich geltend gemacht werden. Eine Beratung ist hier sinnvoll.
